Jugendstil-Uhr mit Handaufzug

Kleines Wunder: In dieser Jugendstiluhr mit 20 Millimetern Durchmesser und fünf Millimetern Gehäusehöhe tickt ein Handaufzugswerk mit Kleiner Sekunde

Diese Jugendstil-Uhr mit Handaufzug ist ungefähr 100 Jahre alt und steht am Anfang einer ganz großen Uhrenleidenschaft – nämlich meiner eigenen. Sie gehörte meiner Urgroßmutter mütterlicherseits, die der Legende nach ein Findelkind von jenseits der deutsch-französischen Grenze war.

Bis heute ist die kleine goldene Uhr immer von der Mutter an die Tochter weitergegeben worden. Ich durfte sie schon als 13-Jährige tragen, damals noch nicht wissend, welch technisches Meisterwerk sich in dem kleinen Gehäuse von gerade mal 20 Millimetern Durchmesser und fünf (!) Millimetern Höhe verbirgt. Die Uhr hat ein goldenes Zifferblatt, graviert im sogenannten Sonnen-Guilloche, was an sich schon eine Meisterarbeit ist. Sie hat nicht nur zwei Zeiger, sondern auch noch eine „Kleine Sekunde“ in einem eigenen kleinen Zifferblatt, im Fachjargon Totalisator genannt, auf sechs Uhr.

Zifferblatt mit Sonnen-Guilloche

Das goldene Zifferblatt wurde im Sonnen-Guilloche graviert, eine der ältesten Dekor-Techniken der Feinuhrmacherei

Ich habe die Uhr in den letzten Jahren nicht getragen, jetzt fiel sie mir wieder ein. Heute Morgen habe ich sie aufgezogen, gestellt, und – sie geht! Und zwar nach zwölf Stunden immer noch auf die Minute genau. Was für eine Handwerkskunst: Hundert Jahre alt, vielleicht sogar mehr, einmal aufgezogen, und die Zeiger bewegen sich, als hätten sie hundert Jahre nicht stillgestanden, sogar der kleine Sekundenzeiger.

Nachdem ich mittlerweile auch schon Zeitmesser im Wert von mehreren Millionen Euro in der Hand halten durfte, rührt mich diese kleine, brave Armbanduhr aus den 1920-er Jahren, die bei Ebay vielleicht 300 Euro bringen würde, fast noch mehr. Das ist das ergreifend Faszinierende an der Mechanik, das jeden Uhrenjournalisten, -Fan und -Sammler irgendwann einmal gepackt hat.

Elke Reinhold, Editor at Large Watchlounge.com