Abraham-Louis Breguet gilt vielen als größter Uhrmacher aller Zeiten. Ein innovationsgetriebener Perfektionist und als solcher stets auf der Suche nach höchster Präzision. Zeitmesser mit seinem Namen gelten seit Generationen als Inbegriff des klassischen Uhrendesigns und der Haute Horlogerie. Um diesem legendären Erbe gerecht zu werden, arbeiten heute mehr als 800 hochqualifizierte Mitarbeiter in der Breguet Manufaktur im schweizerischen L´Orient. Wir durften dort einen Blick hinter die Kulissen werfen und einen Tag lang entdecken, wie der Erfindergeist von einst nicht nur bewahrt, sondern fortgeführt wird. 

Die Breguet Manufaktur in L´Orient
Die Breguet Manufaktur liegt inmitten des Vallée de Joux.

Zuhause im Vallée de Joux: Die Breguet Manufaktur

Wer selbst sehen möchte, wie die Uhren von Breguet zum Leben erweckt werden, hat das Jurahochtal mit dem ebenso bekannten wie klangvollen Namen Vallée de Joux zum Ziel. Zirka 60 Kilometer von Genf entfernt beheimatet dort das Örtchen L´Orient auf etwas mehr als 1.000 Metern Höhe die Breguet Manufaktur. Auf schmalen und kurvigen Straßen schafft man den Aufstieg aus Genf mit dem Auto bestenfalls in einer Stunde. Ist die Route durch Staus blockiert oder von Schnee bedeckt, verdoppelt sich die Zeit ohne Probleme.

Die Breguet Manufaktur in L´Orient
Hier entsteht Haute Horlogerie im Markenverbund der Swatch Group.

Seit 1999 ist Breguet Teil der Swatch Group und darf sich durch die Integration des Werkherstellers Nouvelle Lemania im Jahr 2003 Manufaktur nennen. Der Standort in L´Orient wurde bis 2015 immer wieder modernisiert und erweitert, sodass sich heute eine Kombination historischer und moderner Gebäude zeigt, die die Produktion neuer sowie die Restauration alter Zeitmesser unter einem Dach vereint.

Hinter den Kulissen der Haute Horlogerie: Wie aus Zeichnungen Zeitmesser werden 

Die Breguet Manufaktur in L´Orient
Das Archiv von Breguet umfasst zirka 2.500 Stanz-Blöcke zur Verarbeitung von Werkskomponenten.

Als klassische Manufaktur hochwertigster Uhren zeichnet sich Breguet, im Gegensatz zu größtenteils automatisierten Fabriken, durch einen hohen Anteil von Handarbeit und Spezialisierung innerhalb der Arbeitsprozesse aus. Wir haben den Weg begleitet, der von einer Idee über technische Zeichnungen zum Bau von Werkzeugen führt, mit denen die Einzelteile entstehen, die – nach ihrer oft aufwendigen Dekoration – als Ensemble das Herz einer Breguet schlagen lassen. 

Die Breguet Manufaktur in L´Orient
Stanz-Blöcke wie dieser sind wichtig für die Herstellung passgenauer Einzelteile.

Damit aus Rohmaterialien wie Gold, Kupferberyllium, Messing oder auch Edelstahl feine Einzelteile entstehen, werden auch in einer Manufaktur moderne CNC-Fräsen eingesetzt. Nach dem Schneiden werden sogenannte Stanz-Blöcke verwendet, die die Komponenten besonders präzise in die gewünschte Form bringen. Die Abweichung beim Stanzen beträgt nur 5/1000 Millimeter, weshalb dieser Vorgang für Ergebnisse mit höchsten Qualitätsansprüchen das Mittel der Wahl darstellt. Zirka 2.500 dieser Stanz-Blöcke lagern in dem Archiv der Manufaktur, die Ältesten datieren in das Jahr 1945 zurück. Solche Präzisionswerkzeuge sind nicht nur unerlässlich für die Entstehung von exakt arbeitenden Kunstwerken für das Handgelenk, sondern zudem ausgesprochen kostspielig in der Anschaffung. Der abgebildete Stanz-Block mit der Nummer 22515 kostet zirka 50.000 Schweizer Franken, während sich der Wert des gesamten Archives auf einen mittleren zweistelligen Millionenbetrag addieren lässt.

Ein Arbeitsplatz der Breguet Manufaktur in L´Orient
Qualitätskontrolle bei Breguet. Von Menschenhand und mit geschultem Auge.

Wenn in der Manufaktur von Breguet Maschinen zum Einsatz kommen, werden diese stets von Spezialisten eingestellt und bedient. Die Endkontrolle, wie hier nach dem Stanzen, übernimmt immer ein geschultes, menschliches Auge. 

Die Breguet Manufaktur in L´Orient
Dieses Einzelteil für das Werk eines Chronographen ist bereit zur Weiterverarbeitung.

Dieses Einzelteil für das Werk eines Chronographen macht sich nach Schneiden, Stanzen und bestandener Qualitätskontrolle auf den Weg zur Weiterverarbeitung in der Manufaktur. 

Klassische Kunsthandwerke der Breguet Manufaktur: Tradition verpflichtet 

Die Guillochage
Die Hand-Guillochage gehört zu den prestigeträchtigen Kunsthandwerken der Breguet Manufaktur.

Auf Abraham-Louis Breguet gehen nicht nur zahlreiche technische Innovationen innerhalb der Uhrmacherei zurück, sondern auch schmucke Erfindungen mit Blick auf die Oberflächenveredelung von Zifferblättern. Im Jahr 1786 begann Breguet, die Gesichter seiner Zeitmesser aus Gold zu fertigen und sie mit einer feinen Guillochage zu verzieren. Bis heute erkennt man zahlreiche Uhren mit seinem Namen an den aufwendig von Hand guillochierten Mustern. Gegenwärtig zählt die Manufaktur über 30 restaurierte Maschinen für dieses Kunsthandwerk, die von 20 Spezialisten mit jahrelanger Erfahrung bedient werden. Wer selbst einmal hinter dem Mikroskop Platz genommen hat, durch das der zu verzierende Rohling freigegeben wird, empfindet anschließend noch mehr Respekt für diese konzentrationsintensive Arbeit. Neben stoischer innerer Ruhe ist die geschulte Expertenhand für ein makelloses Endergebnis unerlässlich. Dass an diesen Maschinen durch das Zusammenspiel von Mechanik und menschlichem Geschick Kunstdekore entstehen, die als Clous de Paris, Schachbrett- oder Flammenmuster bekannt sind, erzeugt nach den Live-Eindruck besonders ehrfürchtiges Staunen beim anschließenden Betrachten der verzierten Zeitmesser.

Ein Arbeitsplatz der Breguet Manufaktur in L´Orient
Höchste Konzentration und innere Ruhe im Atelier der Kunsthandwerke.

Breguet bildet seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den Kunsthandwerken der Guillochage, des Gravierens und des Emaillierens selbst aus, da diese Berufe an Schulen in der Umgebung nicht mehr erlernt werden können. Auch das Kantenbrechen mit der Feile gehört zu den traditionsreichen Veredlungsmethoden von Einzelteilen der Uhren von Breguet. In einem 45-Grad Winkel wird hier das Material von geübter Hand bearbeitet. Immer feiner werdendes Diamantpapier entfernt anschließend die Feilenstriche, was fünf Arbeitsgänge umfasst. Bis das Ergebnis hochglänzend ist, was durch die sogenannte Schwarzpolitur erreicht wird, sind nochmals 4 bis 5 Poliervorgänge unerlässlich, die nun durch das Zusammenspiel eines Holzwerkzeuges und sorgsam aufgetragener Polierpaste ausgeführt werden.

Ein Arbeitsplatz der Breguet Manufaktur in L´Orient
Der Arbeitsplatz eines Graveurs: Mit Handarbeit und high-tech Mikroskop.

Gleich nebenan findet die Handgravur statt, die beispielsweise Platinen im Inneren des Werkes ziert. Der Blick auf den Arbeitsplatz des Graveurs zeigt eigene Werkzeuge, die exakt zu der Form seiner Hand passen und ihm die filigrane Arbeit ermöglichen. 

Ein Arbeitsplatz der Breguet Manufaktur in L´Orient
Technik und Fingerspitzengefühl gehen für ein perfektes Endergebnis Hand in Hand.
Kunsthandwerk
Kunstvoll verzierte Platinen demonstrieren das Können der Graveure.

Die Handgravur einer Breguet-Platine nimmt gleich mehrere Tage in Anspruch. Nach mindestens zwei Jahren interner Ausbildung und Übung können kunstvolle Platinen wie diese für Kundenuhren dekoriert werden. 

Breguet und das Tourbillon 

Das Breguet Tourbillon Kaliber 558 SQ2
Das Breguet Tourbillon Kaliber 558 SQ2. 

Wenn aus der Fülle technischer Erfindungen von Abraham-Louis Breguet die wohl bedeutsamste ausgewählt werden muss, die zudem bis heute Bestand hat, fällt unsere Wahl auf das Tourbillon. Diese Grande Complication der Uhrmacherei wurde bereits 1801 patentiert, während ihre jahrelange Entwicklung dem steten Streben nach maximaler Präzision unterworfen war. Bei einem Tourbillon (zu Deutsch „Wirbelwind“) befindet sich das für die Ganggenauigkeit eines Zeitmessers verantwortliche Schwing- und Hemmungssystem innerhalb eines rotierenden Käfigs. Dieser Tourbillon-Käfig dreht sich innerhalb einer Minute genau einmal um die eigene Achse und verringert dadurch die negativen Auswirkungen der Erdanziehung auf die Präzision der Uhr. Was heute vor allem als technisches Spektakel ins Auge fällt, stellte zu Lebzeiten von Monsieur Breguet eine echte Verbesserung der zeitlichen Orientierung im Alltag dar. In dieser Epoche zu Beginn des 19. Jahrhunderts, die der Armbanduhr mehr als 100 und dem Smartphone über 200 Jahre voraus war, nutzte man Taschenuhren zur Zeitanzeige. Präzision und Zuverlässigkeit waren Zeichen echten Fortschritts und da Taschenuhren meist vertikal am Körper getragen wurden, waren die Unruh samt Spiralfeder der Erdanziehungskraft in besonderem Maße ausgesetzt. Wer damals also eine Breguet mit Tourbillon sein Eigen nennen durfte, verfügte nicht nur über beachtliche finanzielle Mittel um dieses technische Wunderwerk zu erwerben, sondern hatte einen der präzisesten Zeitmesser seiner Generation in der Westentasche. 

Das Classique Tourbillon Extra-Plat mit Referenz 5367PT
Das Classique Tourbillon Extra-Plat mit Referenz 5367PT aus der aktuellen Kollektion. 

In der Breguet Manufaktur nimmt das Tourbillon auch heute noch einen wichtigen Stellenwert ein. Die hauseigene „Tourbillon Assembly Unit“ verlassen jedes Jahr mehr Werke mit dieser historisch wie technisch bedeutsamen Komplikation als bei irgendeinem anderen Hersteller. Alle Entwicklungen, über neue Konstruktionen bis hin zur Implementierung innovativer Materialien, finden bei Breguet unter einem Dach statt. Die abgebildete Classique Tourbillon Extra-Plat gehört nicht nur zu den Neuheiten der aktuellen Kollektion, sondern verfügt mit dem AutomatikKaliber 581 auch über ein Herz samt Tourbillon neuester Generation. 

Das Classique Tourbillon Extra-Plat mit Referenz 5367PT
Das kunstvoll verzierte Kaliber 581 der Referenz 5367PT mit Tourbillon.

Für besondere Alltagstauglichkeit sorgt hier eine UnruhSpirale aus antimagnetischem Silizium. Magnetismus war keine Herausforderung, mit der sich Monsieur Breguet im frühen 19. Jahrhundert auseinandersetzen musste. Damit sein Tourbillon allerdings auch heute noch höchste Präzision erreicht, wurden Schlüsselkomponenten wie beispielsweise die Unruh-Spirale aus Silizium gefertigt, um Schutz gegen störende Einflüsse von Elektrogeräten wie Smartphones oder Tablets zu bieten. 

Das Classique Tourbillon Extra-Plat mit Referenz 5367PT
Die zarte Breguet-Signatur wurde 1795 eingeführt und diente ursprünglich als Unterscheidungsmerkmal gegenüber Fälschungen. 

Ebenfalls zum Schutz seiner Uhren versah Breguet die Zifferblätter seit 1795 mit einer zarten Signatur. In diesem Fall allerdings als Unterscheidungsmerkmal zu Fälschungen, die damals bereits kursierten und sich mit dem guten Namen Breguets schmückten. Diese feine Unterschrift findet auch heute noch Verwendung und ist nur unter bestimmten Lichtbedingungen sichtbar. 

Das Breguet Atelier für Restauration: Fragen Sie nach dem Unmöglichen. 

Im Atelier für Restauration von Breguet
Ein Schlüssel wird hier zum vorsichtigen Aufziehen einer historischen Taschenuhr von Breguet aus dem 19. Jahrhundert verwendet. 

Wenn einmal nicht die alten Traditionen ihre Fortführung in neuen Uhren finden, sondern wirklich an historischen Zeitmessern gearbeitet wird, befindet man sich in dem Atelier für Restauration innerhalb der Breguet Manufaktur. In historischem Ambiente mit viel Holz und teils antiquarischen Maschinen wird eines der kostbarsten Service-Versprechen der gesamten Uhrenindustrie gegeben: In diesem Atelier besteht die Möglichkeit, jede Breguet zu restaurieren, die jemals gefertigt wurde. Dafür arbeiten die speziell ausgebildeten Uhrmacher oft Monate an einer Uhr, da zum Teil Werkzeuge und Werkteile anhand historischer Zeichnungen aus den Breguet-Archiven in Paris konstruiert werden müssen, um das Ergebnis so nah am Original wie möglich zu halten. Pro Jahr restaurieren und warten die Uhrmacher hier zwischen 10 und 15 historische Kundenuhren. Ihre verbleibende Zeit verwenden sie auf die Pflege der umfangreichen Sammlung von Exponaten aus dem Breguet Museum in Paris. 

Die Breguet Uhr mit dem legendären Namen Marie-Antoinette
Die Rekonstruktion der legendären Taschenuhr Marie-Antoinette aus dem Jahr 1827.

Dass hier nichts unmöglich ist, zeigt die Rekonstruktion der legendären Breguet Taschenuhr Grande Complication 1160, besser bekannt als MarieAntoinette. Das Original wurde 1783 bei AbrahamLouis Breguet, zu dieser Zeit französischer Hoflieferant, von einem Verehrer der damaligen Königin Marie-Antoinette in Auftrag gegeben. Weder sie selbst noch Monsieur Breguet erlebte die Fertigstellung der außerordentlich komplizierten und aus kostbarsten Materialien gefertigten Taschenuhr im Jahr 1827. (Lesen Sie hier unser Interview mit dem Breguet-Nachfahren Emmanuel Breguet, um mehr über die Historie der Manufaktur und der Marie-Antoinette zu erfahren). Da sich das Original bis heute nicht im Besitz von Breguet befindet, wurde 2004 die exakte Rekonstruktion dieser komplexen Ikone der Uhrmacherei angeordnet. Dass dies innerhalb von vier Jahren und ausschließlich anhand technischer Zeichnungen sowie historischer Dokumente gelang, kann ohne Scheu als Meisterleistung der Uhrmacher des Ateliers für Restauration gewertet werden. So steht die Rekonstruktion der Marie-Antoinette nicht nur für das Savoir-Faire des Abraham-Louis Breguet, sondern vor allem für den Respekt der originalgetreuen Fortführung seiner Uhrmacherkunst innerhalb der Manufaktur heute. 

Das Atelier für Restaurationen historischer Zeitmesser
Neben historischen Kundenuhren werden in dem Atelier auch Exponate aus dem Breguet Museum in Paris gewartet und restauriert.

Text & Bilder: © David Schank, Watchlounge