Emmanuel Breguet ist eine faszinierende Persönlichkeit. Als direkter Nachfahre von Abraham-Louis Breguet, der vielen als bedeutsamster Uhrmacher aller Zeiten gilt und die gleichnamige Manufaktur 1775 in Paris gegründet hat, schreibt Monsieur Breguet die Geschichte der Marke in siebter Generation nicht nur auf, sondern auch ein Stück weit fort. In den vergangenen 25 Jahren hat er bereits Standardwerke zur Geschichte und Entwicklung des Hauses publiziert, mit denen Sammler ihre Bibliotheken schmücken. Heute verantwortet er als Vize-Präsident von Breguet das historische Erbe der Marke sowie das Marketing der Manufaktur. Anlässlich der Vorstellung seines aktuellen Buches habe ich ihn in München getroffen. In unserem Exklusivinterview für die Watchlounge verrät Emmanuel Breguet, wie er erst durch einen Anstoß von außen zur Marke fand, warum er dort immer noch arbeitet und was er in Zukunft mit dem Traditionshaus vor hat. 

Emmanuel Breguet Interview
In München fand unser Interview bei Juwelier Wempe auf der Maximilianstraße statt.

Monsieur Breguet,  

Ihr Nachname zählt zu den prestigeträchtigsten der gesamten Uhren-Branche. In siebter Generation sind Sie mit Abraham-Louis Breguet verwandt, einem der größten Uhrmachern aller Zeiten und dem Gründer der Maison Breguet. Wann wurde Ihnen zum ersten Mal die Verbindung zu ihrem prominenten Vorfahren aus dem 18. Jahrhundert bewusst? 

Die Geschichte ist etwas ungewöhnlich und spielte sich während meiner Studienzeit in Paris ab. Sie müssen wissen, dass Breguet in meiner französischen Heimat ein sehr bekannter Name ist, der aber vor allem mit der Fliegerei in Verbindung gebracht wird. Mein Großvater Louis Breguet war ein Pionier der Luftfahrt, ein Flugzeugbauer und einer der vier Gründer der Fluggesellschaft Air France. Mit ihm habe ich jahrelang die Prominenz meines Namens in Verbindung gebracht, ohne die Generation zu entdecken, die die Uhrmacherei geprägt hat. 

Sie haben mehrere Bücher über Abraham-Louis Breguet und seine Bedeutung innerhalb der Uhrmacherei geschrieben. Dass Sie nicht in dem Bewusstsein dieser familiären Verbindung aufgewachsen sind, dürfte viele überraschen. Was gab den Anstoß zur Namensrecherche in eigener Sache?

Zum Ende des Geschichtsstudiums habe ich mit meinem Professor über das Thema einer Abschlussarbeit diskutiert. Meinen Fokus wollte ich eigentlich, auch aufgrund meines Großvaters Louis Breguet, auf die Entwicklung der Luftfahrttechnik und ihrer Pioniere legen. Irgendwann sagte er: 

“Warum suchen Sie überhaupt noch nach einem Thema für Ihre Arbeit? Sie heißen doch Breguet! Gehen Sie Ihrem Namen auf den Grund und schreiben Sie über die Bedeutung Ihrer Familie.“ 

Die Idee gefiel mir und nach dem Durchstöbern der Privatarchive meiner Familienmitglieder entdeckte ich auch die Verbindung zu Abraham-Louis Breguet und zur Uhrmacherei.

Die Recherchen zum Thema Ihrer Abschlussarbeit haben also die Tür geöffnet, um Ihre familiären Wurzeln innerhalb der Haute Horlogerie zu entdecken. Verantwortlicher über das historische Erbe von Breguet wurden Sie aber nicht während der Semesterferien. Wie kamen Sie zu Ihrem Job? 

Ich habe mich 1993 mit meiner Geschichte bei Breguet vorgestellt. Die Marke war zu diesem Zeitpunkt noch nicht Teil der Swatch Group und ich wurde eingestellt. In meinem damaligen Vertrag standen drei wichtige Punkte: Ich sollte ein Buch über die Geschichte der Marke schreiben soll, das historische Erbe der Manufaktur verwalten und als Markenbotschafter in der Öffentlichkeit und gegenüber Kunden auftreten. Für mich war es der Beginn eines Abenteuers, vor allem, weil ich die Ausgestaltung meiner Position in gewisser Art selbst definieren konnte.

Emmanuel Breguet Interview
Emmanuel Breguet mit seiner Classique 7337

1999 wurde Breguet von der Swatch Group gekauft. Was änderten die neuen Eigentümerverhältnisse für Sie?

Als Nicolas Hayek senior die Marke kurz vor der Jahrtausendwende übernahm, kam er direkt auf mich zu: 

„Wer sind Sie und was tun Sie für uns? Die Familie Breguet hat doch schon Ewigkeiten nichts mehr mit dem Geschäft der Marke zu tun.“ 

Ich habe ihm dann erklärt, was ich tue, dass ich als Nachfahre des Gründers seit sieben Jahren für die Firma tätig bin und sehr gerne damit weitermachen würde. Gott sei Dank ließ er sich davon überzeugen und deshalb sitze ich heute auch hier.

Sie leben in Paris, wo die Marke lange ihren Hauptsitz hatte. Am Place Vendôme befindet sich heute das legendäre Breguet-Archiv sowie die Breguet-Boutique samt Museum. Früher wurden im Namen ihrer Familie Uhren für Napoleon Bonaparte, George IV, und Sir Winston Churchill gefertigt, was aus den Archiven hervorgeht. Wie haben Sie die oft jahrhundertealten Aufzeichnungen damals vorgefunden und welche Bedeutung haben sie für die Marke heute?

Erfreulicherweise waren die Aufzeichnungen größtenteils sehr gut erhalten und wurden über Generationen innerhalb meiner Familie aufbewahrt. Wir haben die Archive zudem digitalisiert und aufwendig gesichert, damit auch zukünftige Generationen mithilfe der Individualnummern der Uhren mehr über ihre Erbstücke und andere seltene Zeitmesser von Breguet erfahren können. Bis zum Jahr 1850 verfügen wir über präzise Beschreibungen aller Uhren, die unser Atelier verlassen haben. Was zunächst ungewöhnlich klingt, macht erst mit Blick auf die Tatsache Sinn, dass von 1775 bis in die 1950er Jahre jede Breguet ein Einzelstück war. Eine Kollektion wie heute gab es nicht, weshalb diese individuellen Aufzeichnungen jeder Uhr für uns sehr wertvoll sind.

Emmanuel Breguet Interview
Das aktuelle Buch von Emmanuel Breguet

Die Archive und das Museum gelten als Ihre persönlichen Lieblingsprojekte. Warum befindet sie sich nicht in der Schweiz, wo Breguet heute seine Uhren herstellt?  

Breguet hat eine sehr enge Beziehung zu Paris, da die Marke hier gegründet wurde und bis in die 1970er Jahr auch in der Stadt ansässig war. Unsere Archive befinden sich deshalb noch immer hier, da wir sie als Teil des historischen Erbes Frankreichs betrachten. Als mich Herr Hayek mit der Gründung des Breguet-Museums beauftragte, stand es deshalb außer Frage, dass sich die historischen Dokumente und unsere Uhren aus drei Jahrhunderten am selben Ort befinden sollten.

Können Sie einen Eindruck vermitteln, wie viele historische Uhren die Sammlung von Breguet umfasst und wie Sie die Uhren ausfindig machen? 

In den vergangenen Jahren haben wir viele Zeitmesser mit historischer Relevanz auf Auktionen erstanden. Auktionen sind ohnehin die einzige Quelle, aus der wir unser Museum aufstocken. Gegenwärtig zählt die Sammlung circa 250 Exponate, von denen wir 100 in unserem Museum am Place Vendôme ausstellen. Zum einen hat das Versicherungsgründe und zum anderen schicken wir unsere seltensten Uhren gerne auf Reise. Aktuell werden beispielsweise 70 bedeutsame Breguets in Zürich ausgestellt und weitere 30 befinden sich gegenwärtig in Shanghai.

Wenn Sie nur ein historisches Stück wählen dürften, welche Uhr fehlt Ihnen in der Kollektion des Museums am meisten? 

Auch wenn dies nicht meine Antwort auf die Frage sein soll, ist die Marie-Antionette, die komplizierteste Uhr, die Breguet je gebaut hat. Von dieser sehr berühmten Taschenuhr, die für die französische Königin in Auftrag gegeben wurde und die heute in dem Museum für Islamische Kunst in Jerusalem ausgestellt wird, haben wir eine 1:1 Re-Produktion anfertigen lassen. Tragischerweise hielt die Marie-Antionette die Uhr zu Lebzeiten nie in ihren Händen. Im Gegensatz dazu gab es allerdings einige Breguet Uhren, die die Königin sehr wohl besaß und von denen wir Aufzeichnungen und Individual-Nummern in unseren Archiven finden. Einen dieser Zeitmesser würde ich sehr gerne in unserem Museum begrüßen. Jede Uhr, die Sie vor Ort in der Ausstellung sehen, funktioniert übrigens auch. Das ist unsere Art zu zeigen, dass eine Breguet problemlos Generationen überdauert. 


Text & Bilder © David Schank, Watchlounge

Das Interview wurde vor der Veröffentlichung von Emmanuel Breguet autorisiert.