Van Cleef & Arpels „Poetry of the Heavens – Watches and Wonders 2026“
Mondphase, zweite Zeitzone, Ludo Secret und zwei neue Himmels-Liebesgeschichten: Van Cleef & Arpels denkt Zeit weiter als Erzählung
Van Cleef & Arpels ist auf der Watches & Wonders 2026 nicht mit einer einzelnen Hauptneuheit präsent, sondern mit einem ganzen Kosmos von Uhren, die sich alle um denselben Gedanken drehen: Zeit nicht nur zu messen, sondern zu erzählen. Die Maison fasst diesen Auftritt unter dem Thema „Poetry of the Heavens“ zusammen. Der Himmel, der Mond, ferne Orte, Liebesgeschichten und die Tiefe des Nachthimmels werden dabei nicht als lose Motive verwendet, sondern als Rahmen für eine sehr eigene Art von Uhrmacherei, in der Technik, Schmuck und dekorative Handwerkskunst eng miteinander verzahnt sind. Catherine Renier ordnet die neuen Modelle ausdrücklich in die Linie der Poetic Complications ein, die seit 2006 für eine Verbindung aus uhrmacherischer Komplexität und erzählerischer Vision steht.

Auffällig ist dabei die Gewichtung. Nicht jede dieser Uhren will über mechanische Lautstärke wirken. Manche tun es über eine Anzeigeidee, andere über Material, wieder andere über Bildsprache. Gerade das macht diesen Van-Cleef-&-Arpels-Auftritt interessant: Die Neuheiten ordnen sich nicht um eine einzige technische Heldengeschichte, sondern um unterschiedliche Arten, Emotion und Präzision miteinander zu verbinden.
Midnight Jour Nuit Phase de Lune
Die deutlichste Verbindung aus astronomischem Thema und Uhrwerk findet sich in der neuen Midnight Jour Nuit Phase de Lune. Van Cleef & Arpels erweitert damit die Jour-Nuit-Linie, die 2008 eingeführt und 2024 bereits neu interpretiert wurde. In diesem Fall kommen zwei überlagerte Komplikationen in einem 42-mm-Midnight-Gehäuse aus Weißgold zusammen: die klassische Jour/Nuit-Anzeige und zusätzlich eine Mondphasen-Komplikation.

Das Zifferblatt ist hier zentral. Schwarzes Murano-Aventuringlas bildet einen Nachthimmel mit tiefer, bronzeschimmernder Wirkung. Darüber wandern eine guillochierte goldene Sonne und ein Mond aus weißem Perlmutt entlang eines Horizonts, der selbst aus guillochiertem Perlmutt besteht und in Schwarz-Weiß-Verläufen bemalt ist. Die tägliche Bewegung läuft über eine 24-Stunden-Scheibe, wie man sie aus der Jour-Nuit-Familie kennt. Hinzu kommt die Mondphase, die den 29,5-Tage-Zyklus des Mondes aufnimmt. Besonders schön gelöst ist die On-Demand-Animation: Selbst wenn der Mond hinter dem Horizont verborgen ist, lässt er sich über einen Drücker am Gehäuserand sichtbar machen. Dann rotiert das Zifferblatt für rund zehn Sekunden einmal vollständig und gibt den Satelliten in seiner Sternenkulisse frei.

Auch die Rückseite bleibt nicht neutral. Dort wird die Perspektive umgedreht. Nicht der Himmel, wie man ihn von der Erde aus sieht, sondern ein Blick vom Mond aus zurück in den Kosmos. Weiße-Gold-Gravuren, Emaillinien für die Erde und planets in miniature painting auf dem Saphir über dem Rotor setzen die Erzählung fort. Das ist typisch Van Cleef & Arpels: Die Uhr ist nicht nur Träger einer Komplikation, sondern ein kleines in sich geschlossenes Universum.
Midnight Heure d’ici & Heure d’ailleurs
Technisch am eigenständigsten innerhalb der Neuheiten wirkt die Midnight Heure d’ici & Heure d’ailleurs. Auf dem Papier ist es eine Zwei-Zeitzonen-Uhr. In der Darstellung ist sie aber etwas poetischer gedacht. Zwei Fenster für springende Stunden, eines oben für die lokale Zeit, eines unten für die zweite Zone, dazu retrograde Minuten.

Das Ganze sitzt in einem 38-mm-Midnight-Gehäuse aus Roségold. Die gestalterische Hauptarbeit übernimmt das Zifferblatt aus embossed enamel in warmen Brauntönen, deren Charakter je nach Lichteinfall kühler oder wärmer kippt. Guilloché strahlt aus einem piqué-Motiv heraus, das an die Signatur der Maison erinnert. Dazu kommt eine Asymmetrie, die man bei Van Cleef & Arpels immer wieder sieht: reine Linien, aber nie steril. Sogar der Schriftzug der Uhr wird als Teil dieser Poesie verstanden.

Die Anzeige ist dabei erfreulich logisch aufgebaut. Beide Stundenfenster springen gleichzeitig, synchronisiert über ein einziges Sektorzahnrad, das zugleich die retrograde Minutenanzeige steuert. Sobald die Minute 60 erreicht, springt der Minutenzeiger an den Anfang zurück und die Stundenscheiben rücken weiter. Bemerkenswert ist auch die Bedienung: Eine einzige Krone übernimmt Aufzug, Minuten sowie beide Zeitzonen. Die Rückseite nimmt das Thema in einer gravierten Mondsichel auf, die im Licht einer guillochierten Sonne liegt. Das ist eine Reiseuhr, aber keine nüchterne. Eher eine, die Ferne als Atmosphäre versteht.
Ludo Secret und Perlée
Nicht alle Neuheiten der Maison argumentieren über mechanische Komplikation. Manche tun es über die Übersetzung von Schmuckcodes in Zeitmesser. Die Ludo Secret gehört genau in diese Kategorie. Sie greift das Ludo-Armband von 1934 auf, dessen gürtelförmige Trompe-l’œil-Idee bei Van Cleef & Arpels längst zu einer Signatur geworden ist. Die neue Ausführung nimmt ein Modell von 1949 wieder auf und kombiniert gelbes Gold mit tiefblauen Saphiren.

Das Armband besteht aus spiegelpolierten „briquette“-Gliedern aus Gelbgold, die von Hand zusammengesetzt und zu einem flexiblen Netz verbunden sind. Der Effekt ist weich und textilartig, obwohl alles aus Metall besteht. Die Saphire formen großzügige Halbmondmotive. Erst durch gleichzeitigen Druck auf beide Seiten der Schmuckschließe öffnet sich die Uhr und gibt ein weißes guillochiertes Perlmuttzifferblatt frei. Ein baguette-cut sapphire markiert 12 Uhr. Im Inneren arbeitet ein Schweizer Quarzwerk. Das passt, weil diese Uhr klar aus der Schmuckwelt kommt und Zeit hier als diskret integrierte Funktion versteht.

Ähnlich, aber weniger verborgen, ist die neue Perlée. Auch hier steht Schmuckuhr im Mittelpunkt. Das 23-mm-Modell aus Weißgold nimmt die typischen goldenen Perlée-Perlen auf und fasst sie in einen doppelten Kreis. Unter dem leicht gewölbten Glas liegt ein Zifferblatt aus Aventuringlas in tiefem Mitternachtsblau. Die Oberfläche erhält durch eine strahlende Guilloché-Wirkung zusätzliche Tiefe, was das Material fast kosmisch erscheinen lässt. Die Gehäusekante und der Rehaut sind mit Diamanten besetzt, ausgewählt nach den Qualitätsmaßstäben der hauseigenen Gemmologen. Ein unsichtbarer Drücker auf der Rückseite stellt die Zeit ein. Auch hier arbeitet ein Schweizer Quarzwerk. Zwei wechselbare Alligatorbänder erweitern die Trageoptionen.
Lady Rencontre Céleste und Lady Retrouvailles Célestes
Die stärkste narrative Achse der Kollektion liegt vielleicht in den beiden Extraordinary Dials. Lady Rencontre Céleste und Lady Retrouvailles Célestes greifen die ostasiatische Legende vom Kuhhirten und der Weberin auf, deren himmlische Entsprechungen Altair und Vega sind. Es geht um Begegnung und Wiedervereinigung. Zwei Uhren also, die nicht einfach Varianten sind, sondern zwei Momente derselben Geschichte.

Die Lady Rencontre Céleste ist in kühlen Blautönen gehalten. Die Figuren erscheinen als Silhouetten aus Weißgold, mit rose-cut diamonds für die Gesichter. Sie stehen vor einem Himmel, der mit champlevé- und grisaille-email aufgebaut ist. Wolken in plique-à-jour-email mit Diamantbesatz, ein Mond aus Diamanten und ein feiner Saphirbogen geben dem Zifferblatt Tiefe. Die Farbe in den Fassungsperlen wird durch miniature painting erzeugt.

Die Lady Retrouvailles Célestes verschiebt diese Stimmung in Rosé, Mauve und Pink. Wieder stehen die Figuren im Zentrum, diesmal mit ausgestreckten Armen, getrennt durch einen Luftsteg aus skulptierten Vögeln in Weißgold. Champlevé-email, plique-à-jour-email, Diamanten und pink sapphires führen die Geschichte weiter. Auf beiden Gehäuseböden ist das Summer Triangle eingraviert, also die Sternenkonstellation aus Altair, Vega und Deneb. Technisch arbeiten beide Modelle mit Handaufzugskalibern.
Einordnung
Van Cleef & Arpels zeigt 2026 auf der Watches & Wonders sehr klar, worin die eigene Stärke liegt. Die Maison will nicht in denselben Kategorien gewinnen wie klassische Haute Horlogerie-Marken, die alles über Werkarchitektur und Leistungsvergleiche erzählen. Stattdessen wird Uhrmacherei als poetisches Medium verstanden. Man sieht das an der Midnight Jour Nuit Phase de Lune, die eine astronomische Anzeige in eine vollständige Himmelserzählung verwandelt. Man sieht es an der Heure d’ici & Heure d’ailleurs, die eine Reiseuhr in ein grafisches Gedicht übersetzt. Und man sieht es an Ludo, Perlée und den Extraordinary Dials, bei denen die Grenze zwischen Schmuck, Dekor und Zeitmesser bewusst offen bleibt.
Der rote Faden „Poetry of the Heavens“ funktioniert deshalb. Nicht als bloße Messebotschaft, sondern als wirklicher Zusammenhang. Mond, Himmel, Sterne, Liebe, Nacht und Ferne werden in sehr unterschiedliche Uhrentypen übersetzt. Manche davon mechanisch anspruchsvoll, andere stärker schmuckbetont, alle aber unverkennbar Van Cleef & Arpels. Genau das macht diesen W&W-Auftritt so geschlossen. Er ist kein Sammelsurium von Neuheiten, sondern eine sauber kuratierte Welt.
Weitere Informationen zu Van Cleef & Arpels finden Sie auf der Seite der Marke hier.
Text ©Cedric Schneiders, Watchlounge Editor • Bilder ©Van Cleef & Arpels









