Glashütte Original: neue Zifferblattmanufaktur und zwei neue Seventies

Ein Besuch in der neuen Zifferblattmanufaktur: Prozesse, Präzision, Perspektive

Wenn eine Uhrenmarke ihre Stärken neu ordnet, verändert sich der Takt, in dem Ideen entstehen, reifen und in Metall und Farbe übergehen. Mit der neuen Zifferblattmanufaktur hat Glashütte Original die Fertigung von Pforzheim an den Heimatort verlegt, nur wenige Schritte von der Hauptmanufaktur entfernt. Es ist Strategie, keine Logistik. Entwicklung, Werkefertigung und Zifferblattproduktion arbeiten Tür an Tür. Ziel sind kürzere Wege, schnellere Iterationen, tiefere Wertschöpfung und eine Qualitätssicherung am Ort der Entscheidung.

Vom Entwurf zum Fahrplan

Am Anfang steht kein Rohling, sondern ein Dossier aus der Designabteilung. Daraus entstehen ein Fertigungsplan und drei Zeichnungen, die das spätere Zifferblatt definieren. Die Fertigblattzeichnung dient als Referenz, die Rohteilzeichnung beschreibt Durchbrüche und Rückseitentaschen, die Indexzeichnung legt Maß und Lage der applizierten Indizes fest. Aus diesen Unterlagen werden Daten für Lasergravur und Tampondruckklischees sowie Programme für Aussparungen wie Panoramadatum oder Mondphase abgeleitet. Bevor die Serie startet, läuft eine Nullserie, in der Prozessfenster verifiziert, Toleranzen abgeglichen und Schnittstellen zur Montage erprobt werden.

Geometrie: Was die Rohplatine vorgibt

Die Serienfertigung beginnt im Haupthaus. Aus Messing, Neusilber, Bronze, Silber oder Gold entstehen Rohplatinen. Vorne werden Öffnungen für Anzeigen und Zeiger gesetzt, rückseitig Taschen für Indexfüße und Zifferblattfüße. Zwei Referenzbohrungen dienen als Fixpunkte für alle Spannungen und Geometrien, damit Druck, Gravur, Fräsbild und Endmontage exakt zusammenfinden. Als erste Operation in der Zifferblattmanufaktur werden die Zifferblattfüße gesetzt und verschweißt; die kleinen Erhebungen werden plan ausgeschliffen, um spätere Spannungen zu vermeiden.

Relief, Schliffe, Strahlbilder

Wo Hilfsanzeigen vorgesehen sind, werden Senkungen eingedreht, oft mit Azuré-Dekor, dessen konzentrische Rillen das Licht wie eine Schallplatte fächern. Parallel werden Kanten poliert und, wo vorgesehen, ein radialer Sonnenschliff gesetzt. Oberfläche ist Gestaltung und Vorbereitung zugleich. Feinsandstrahlen erzeugt matte, absorbierende Flächen, Glasperlenstrahlen einen seidigen und gleichmäßigen Glanz. So entsteht jenes Spiel von Lichtfächern, das je nach Einfallswinkel changiert und dem Blatt Tiefe gibt.

Farbe als Prozessgröße

Der Weg zur Farbe führt über die Galvanik. Nach Entfetten und Beizen folgen farbgebende Bäder von Schwarz und Silber bis zu Gelbgold, Roségold und Nickel. Anspruchsvoll ist das galvanische Blau. Das Bad reagiert sensibel auf Temperatur, Zusammensetzung und Zeit. Probestreifen und Vergleiche mit Musterteilen bestimmen die Einwirkdauer, oft sind mehrere Tauchgänge nötig. Frisch galvanisierte Oberflächen erhalten einen transparenten Zaponlack, der vor Oxidation schützt, ohne Glanz und Struktur zu verändern.

Nicht jedes Zifferblatt wird galvanisiert. Komplexe Farbverläufe und besondere Beschichtungen entstehen in der Lackiererei nebenan. Viskosität, Düsenbild und Umgebungsklima entscheiden über Homogenität und Staubfreiheit. Wichtig ist die Korrelation zur Vorbehandlung. Ein sandgestrahlter Untergrund nimmt dunkle Lacke tief an, glasperlgestrahlte Flächen unterstützen den seidigen Schimmer heller Töne. So wird Farbe zur Funktion und das Zusammenspiel von Untergrund und Beschichtung zu einer gesteuerten Größe.

Schriftbild und Tiefe: Tampondruck

Beschriftungen, Minuterien und Logos entstehen per Tampondruck. Die Klischeeplatten werden im Haus per Laser graviert, was schnelle Anpassungen erlaubt, wenn ein Detail im Muster zu nah an einer Skala sitzt. Gedruckt wird in mehreren Durchgängen, um Volumen und eine leichte Reliefwirkung zu erzielen. Minuterien benötigen meist weniger Schichten, Logos mehr, bis die Kante optisch steht. Die Abteilung verantwortet außerdem Anzeigescheiben und die Applikation von Leuchtmasse. Diese wird von Hand auf Zeiger und Indizes aufgebracht, damit Schichtdicke, Kontur und Füllgrad zu Tagesästhetik und Nachtablesbarkeit passen.

Laser als Gestaltungsmittel

Laser sind darüber hinaus Gestaltungsmittel. Sie veredeln Werkteile wie Dreiviertelplatinen und Brücken mit Mustern von Clous de Paris bis Wellen und beherrschen die dreidimensionale Abtragung. Schicht für Schicht entsteht Relief, für plastische Monde oder topografische Strukturen. Der Laser ersetzt nicht das Handwerk, er erweitert es. Politur, Anglage und das Brechen scharfer Kanten bleiben Handarbeit und geben der technischen Präzision Wärme.

Beispiel Mondscheibe: Verzahnte Abläufe

Exemplarisch zeigt die Mondscheibe die Verzahnung der Abteilungen. Das Rohteil wird geschliffen und poliert. Sterne entstehen per Abdeckdruck in mehreren Durchgängen und bleiben beim Blaufärben metallisch glänzend. Es folgen Strahlprozess und galvanische Einfärbung zu einem satten Blau. Die beiden Mondkörper werden als Vertiefungen herausgearbeitet, ihre Böden leicht gewölbt, damit sie Licht weich reflektieren. Selbst das Tauchgestell für die Galvanik stammt aus dem eigenen Werkzeugbau.

Menschen, Profile, Rotation

Eine Ausbildung zum Zifferblattmacher gibt es nicht. Die Teams rekrutieren sich aus Uhrmachern, Lackierern, Werkzeugmechanikern und Zerspanungsmechanikern sowie aus Quereinsteigern wie Zahntechnikern, Goldschmieden oder Modellbauern. Was sie verbindet, sind Geduld, Fingerspitzengefühl, Sinn für Mikrometer und die Bereitschaft, den gesamten Prozess zu verstehen. Schichtsystem und Jobrotation sorgen dafür, dass jeder jede Maschine bedienen kann. Das senkt Schnittstellenfehler, erhöht die Ausbeute in frühen Serien und schafft Souveränität in Sonderserien.

Traditionstechniken mit Signatur

Neben der Serie pflegt die Manufaktur Verfahren mit historischer Anmutung. Die Anreibeversilberung schwärzt Gravuren, brennt sie ein, nimmt überschüssiges Material ab und reibt Feinsilberpulver mit Salz und Wasser auf, bis eine matte und fein schimmernde Oberfläche entsteht. Perlmutt bringt organisches Material ins Spiel. Dünne Scheiben werden auf ebenso dünne Träger geklebt. Farbigkeit entsteht durch lackierte Zwischenschichten, die den Schimmer modulieren. Beides lässt sich kaum automatisieren und macht die Handschrift des Einzelnen sichtbar.

Zwischenfazit

Bei unserem Besuch liefen Zifferblätter für kommende Seventies Chronographen über Bäder und Drucklinien. Ein Blau, das morgens zu kalt wirkte, war am Nachmittag korrigiert. Ein Index, der sich im Licht nicht ausreichend abhob, erhielt überarbeitete Flanken. Solche Schleifen sind unspektakulär und entscheiden doch, ob ein Zifferblatt neutral korrekt oder wirklich überzeugend wirkt. Fazit: Die Zifferblattmanufaktur ist kein Prestigeprojekt, sondern ein Werkzeug, das die Marke schärft. Handarbeit und Technologie stehen hier nicht im Widerspruch. Die Nähe zur Hauptmanufaktur erzeugt Tempo und vor allem Konsistenz. Das, was die Uhr charakterisiert, entsteht aus einem Guss. Im nächsten Teil betrachten wir die neuen Seventies Chronographen mit jenen Zifferblättern, die hier zwischen Strahlkabine, Galvanik und Druckerei Form und Farbe gefunden haben.

Seventies Chronograph Panoramadatum

Zwei Farben, eine Form – die limitierte Ausgabe 2025

Die Seventies-Linie liefert seit Jahren eine klare Antwort auf die Frage, wie man ein starkes, historisch konnotiertes Gehäuse ins Heute holt: durch Disziplin in der Form und Mut in der Farbe. 2025 erscheint der Seventies Chronograph Panoramadatum als limitiertes Duo, dessen Zifferblätter „Plasma“ (helles Violett) und „Fusion“ (helles Gelbgrün) heißen. Beide Oberflächen sind matt lackiert, um die Leuchtkraft zu zügeln und die Uhren alltagstauglich zu halten – ein bewusster Schritt von der Bühne in die Praxis. Gefertigt werden die Blätter in der neu eröffneten Zifferblattmanufaktur der Marke, die seit Juni 2025 in Betrieb ist.

Gehäuse & Proportionen

Die Form bleibt das wiedererkennbare Markenzeichen: ein Edelstahlgehäuse im gerundeten Quadrat, polierte und satinierte Flächen, klare Kantenübergänge. Mit 40 × 40 mm liegt die Seventies flächig, aber nicht ausladend am Handgelenk; beidseitig entspiegeltes Saphirglas vorne und ein Saphirglasboden hinten schaffen Transparenz nach beiden Seiten. Die Wasserdichtigkeit ist mit 10 bar angegeben – ausreichend Reserve für den Alltag abseits des Schreibtischs.

Zifferblatt, Indizes, Zeiger

Die lackierten Zifferblätter tragen zwei Register mit feinem, schwarz galvanisiertem „Schallplatten“-Dekor; Minuterie, Panoramadatum bei 6 Uhr und die Architektur des Gehäuses rahmen die Farbe, statt mit ihr zu konkurrieren. Aufgesetzt sind schwarz beschichtete Stab-Appliken mit Super-LumiNova, ebenso sind Stunden- und Minutenzeiger schwarz beschichtet und mit Leuchtmasse gefüllt – die Ablesbarkeit bleibt damit auch in wechselnden Lichtverhältnissen stabil.

Werk & Funktionen

Im Inneren arbeitet das automatische Manufakturkaliber 37-02 – ein Säulenrad-Chronograph mit Flyback. In der Sache relevant: 28.800 A/h (4 Hz) Taktung, eine Gangreserve von bis zu 70 Stunden sowie die Wasserdichtigkeit des Gehäuses von 10 bar. Die Flyback-Funktion erlaubt den sofortigen Neustart des Messvorgangs per einmaligem Druck auf den unteren Drücker, ohne Stop-Reset-Start-Sequenz. Im Blick durch den Saphirglasboden zeigen sich Dreiviertelplatine mit Glashütter Streifenschliff, skelettierter Rotor mit Doppel-G, anglierte Kanten und gebläute Schrauben – Finissierungen, die Robustheit und Ästhetik verbinden. Die Anzeigen: Stunde und Minute, Panoramadatum, Stoppsekunde, 30-Minuten- und 12-Stunden-Zähler sowie Gangreserveanzeige.  

Armbänder & Bedienkomfort

Zur Wahl stehen ein mattschwarzes Kautschukband mit Faltschließe oder ein Edelstahlband mit Feinstellmechanismus. Letzterer erlaubt die feine Längenanpassung ohne Werkzeug – praktisch bei Temperaturwechseln oder Aktivität. Die Anbindung folgt der Gehäuselogik der Seventies und schließt den Entwurf formal sauber ab.  

„Plasma“: Violett mit kontrollierter Strahlkraft

„Plasma“ ist als helles Violett definiert. Die matte Oberfläche nimmt Härte aus dem Farbton und verleiht ihm eine samtige Präsenz, die je nach Lichttemperatur zwischen kühlem Lilaton und warmem Violett wandert. Die schwarzen Register, Indizes und Zeiger setzen sachliche Kontraste; das Panoramadatum fügt sich tonal ein. In Summe entsteht eine farbige Uhr, die auf Distanz wirkt, und aus der Nähe differenziert bleibt. Technisch ist „Plasma“ in jeder Hinsicht identisch zur Schwesteruhr: Edelstahlgehäuse 40 × 40 mm, beidseitig entspiegeltes Saphirglas, Boden aus Saphir, Kaliber 37-02 mit 4 Hz und bis zu 70 Stunden Gangreserve.  

„Fusion“: Gelbgrün als Gegenpol

„Fusion“ steht für ein helles Gelbgrün, in der Sache ein Ton zwischen Limette und Chartreuse, der sich im Tageslicht spürbar verändert. Auch hier gilt: Die matte Lackierung hält Reflexe niedrig, die schwarz galvanisierten Register und die Beschriftung strukturieren das Blatt. Das macht „Fusion“ zur extrovertierteren Option, ohne sie zur reinen Statement-Uhr werden zu lassen. Gehäuse, Glas, Werk und Wasserdichtigkeit entsprechen „Plasma“; die Funktionsliste mit Panoramadatum, Flyback-Chronograph und Gangreserveanzeige bleibt unverändert.  

Verfügbarkeit, Limitierung & Einordnung

Beide Varianten sind auf jeweils 100 Exemplare limitiert und ab dem 14. August 2025 in allen Glashütte-Original-Boutiquen und bei ausgewählten Händlern weltweit erhältlich. Mit der Platzierung zu Hochsommer-Ferientagen und der Kombination aus markanter Farbe, robusten Spezifikationen und klassischer 40-mm-Geometrie bedienen die Modelle bewusst Schnittmengen aus Sammlerinteresse und Alltagstauglichkeit.  

Referenzen & Preisgestaltung

Die Referenzen lauten für die Seventies Chronograph Panoramadatum „Plasma“ 1-37-02-20-02-63 am Kautschukband und 1-37-02-20-02-70 am Edelstahlband sowie für die „Fusion“ 1-37-02-19-02-63 am Kautschukband und 1-37-02-19-02-70 am Edelstahlband. Die Preise betragen 16.800 € am Edelstahlband und 15.600 € am Kautschukband.

Weitere Informationen zu den Glashütte Original Neuheiten finden Sie auf der Seite der Marke hier.


Text ©Cedric Schneiders, Watchlounge Editor • Bilder ©Cedric Schneiders & ©Glashütte Original