Girard-Perregaux Minute Repeater Flying Bridges

Drei fliegende Brücken, hörbare Zeit: Wenn Architektur Klang wird

Eine Minutenrepetition ist keine Komplikation, die man „anschaut“. Man hört sie. Und genau deshalb ist jede Entscheidung an ihr doppelt spürbar. Als Form im Licht und als Verhalten im Moment, in dem der Schieber fällt und die Uhr zu sprechen beginnt. Die neue Minute Repeater Flying Bridges ist Girard-Perregaux’ Versuch, dieses akustische Thema konsequent in die eigene Designsprache zu übersetzen. Nicht als nostalgische Taschenuhr-Übersetzung, sondern als moderne, offene Architektur mit fliegenden Brücken, sichtbaren Hämmern auf der Zifferblattseite und einer Konstruktion, die ausdrücklich auf Resonanz und Klangreinheit ausgelegt ist.

Gehäuse & Proportionen

Das Gehäuse ist aus Roségold gefertigt und bewusst groß dimensioniert. 46,00 mm Durchmesser bei 17,90 mm Höhe. Das ist keine alltägliche Größe, aber sie ist bei einer Minutenrepetition mit Tourbillon auch funktional erklärbar. Volumen ist hier Resonanzraum und Schutz zugleich, gerade wenn ein Werk offen aufgebaut ist und Klang nicht nur im Inneren entstehen, sondern sich nach außen tragen soll.

Vorn und hinten sitzt jeweils ein entspiegeltes Box-Saphirglas. Der Effekt ist nicht nur optisch. Die Kuppelform lässt das Werk wie in einer Vitrine schweben, während die große Glasfläche die Mechanik sichtbar hält und zugleich Teil des akustischen Konzepts wird. Girard-Perregaux betont, dass Saphirglas auf Vorder- und Rückseite die kristallklare Melodie unterstützt, weil die Hämmer auf der Zifferblattseite gegen die Tonfedern schlagen und die Vibrationen sauber auslaufen sollen.

Die Wasserdichtigkeit ist mit 30 Metern angegeben. Für eine Schlagwerkuhr ist das ein relevanter Wert, weil der Schieber für die Repetition konstruktiv eine Schwachstelle sein kann.

Zifferblatt, Indizes, Zeiger

Ein klassisches Zifferblatt im Sinne einer geschlossenen Fläche gibt es nicht. Stattdessen organisiert eine Innenlünette aus Roségold den Rand und hält die Stundenindizes. Diese sind appliziert und mit einer fluoreszierenden Beschichtung versehen, die blau nachleuchtet. Dazu kommen durchbrochene Zeiger aus Roségold, ebenfalls mit Leuchtmasse. Das ist ein interessanter Spagat. Minutenrepetition und Tourbillon sprechen eher die Sprache der Haute Horlogerie, Leuchtmasse spricht Alltag. Hier wirkt es wie eine Entscheidung für reale Ablesbarkeit, damit die Uhr nicht nur „Schauobjekt“ bleibt.

Im Zentrum steht die offene Symmetrie. Die Hämmer sind auf der Zifferblattseite sichtbar und schlagen auf Tonfedern, die das Zeitbild akustisch übersetzen. Gleichzeitig bleibt die Anzeige streng reduziert. Stunden, Minuten und eine kleine Sekunde, die direkt auf dem Tourbillon sitzt.

Werk & Komplikation

Im Inneren arbeitet das neue Kaliber GP9530, als drittes Referenzkaliber, das Girard-Perregaux binnen weniger als sechs Monaten vorgestellt hat. Es ist vollständig im eigenen Haus entworfen, entwickelt und montiert. 475 Komponenten, durchbrochene Architektur, Minutenrepetition und Tourbillon kombiniert mit einem neuen automatischen Aufzugsmechanismus. Für Montage und Verzierung nennt Girard-Perregaux einen Aufwand von fast 440 Arbeitsstunden.

Die technischen Eckdaten setzen den Rahmen klar. Werkdurchmesser 43,55 mm bei 10,75 mm Höhe, Frequenz 21.600 A/h (3 Hz), 47 Lagersteine, mindestens 60 Stunden Gangreserve.

Zentral ist die „Bridges“-DNA, aber in einer zeitgenössischen Lesart. Die drei stilisierten fliegenden Brücken aus Roségold tragen eine luftige Struktur, in der Schlagwerk und Tourbillon tatsächlich zu schweben scheinen. Neu ist dabei die Platzierung. Die dritte Brücke sitzt auf der Rückseite des Uhrwerks, wodurch die Zifferblattseite noch offener wirkt und die historische Ästhetik neu sortiert wird, ohne sie zu verleugnen. Die pfeilförmigen Enden der Brücken sind nicht nur Formalität, sie ziehen sich als Motiv durch die Mechanik.

Klang & Technik

Bei Minutenrepetitionen entscheidet die Akustik über die Qualität. Hier setzt Girard-Perregaux mehrere Maßnahmen, die auf Resonanz und Klangreinheit zielen. Tonfedern und Gongfüße sind aus einem einzigen Stück Metall gefertigt, um Störungen zu vermeiden. Der zentrifugale Schlagwerkregler wurde auf die Rückseite verlegt, ebenfalls mit dem Ziel, keine unerwünschten Geräusche in den Klang zu mischen.

Hinzu kommt der neue automatische Aufzug mit steingelagertem Mikrorotor aus Weißgold. Das ist bei einer Schlagwerkuhr ein feines Detail mit großer Wirkung, weil ein Rotor im ungünstigen Fall genau das akustische Erlebnis stören kann, das diese Uhr eigentlich liefern soll.

Die Finissierung ist ebenfalls als Teil der Ästhetik gedacht. 1.340 handpolierte Abschrägungen, darunter 295 Innenwinkel, machen Licht zu einem gestalterischen Element. Und jedes Werk wird von einem einzigen Uhrmacher zusammengebaut und eingestellt. Als diskreter Hinweis darauf trägt das Kaliber eine kleine Plakette mit den Initialen des Uhrmachermeisters.

Band & Tragegefühl

Getragen wird die Uhr an einem schwarzen Kautschukband mit Textileffekt, geschlossen über eine Dreifach-Faltschließe aus Roségold. Das ist eine pragmatische Entscheidung, die zur 30-Meter-Dichtheit passt und zugleich den Kontrast zum offenen Werk betont. Schwarz hält das Ganze zusammen, Roségold setzt die Kante, die Mechanik bleibt der Fokus.

Einordnung & Fazit

Girard-Perregaux verankert die Minutenrepetition historisch in der eigenen DNA und verweist auf Schlagwerk-Kompetenz seit den 1820er-Jahren. Die Minute Repeater Flying Bridges ist in diesem Sinn keine isolierte „Showpiece“-Neuheit, sondern ein weiterer Schritt in einer Linie, in der Form und Funktion bewusst zusammenfallen sollen.

Die Uhr ist groß, offen, und sie ist kompromisslos in ihrem Thema. Sie will zeigen, wie Klang entsteht, und sie will zeigen, wie Girard-Perregaux seine Brücken-Architektur heute versteht. Der neue Mikrorotor und die akustischen Maßnahmen wirken dabei nicht wie technische Liste, sondern wie eine klare Prioritätensetzung. Alles, was Geräusch macht, aber nicht Musik ist, muss verschwinden.

Weitere Informationen zu Girard-Perregaux finden Sie auf der Seite der Marke hier.


Text ©Cedric Schneiders, Watchlounge Editor • Bilder ©Girard-Perregaux