Breguet Tourbillon 2026: 225 Jahre einer Erfindung
Classique 7357, Sidéral 7255, Tradition 7047, Marine 5887 und Expérimentale 1: Breguet zeigt die ganze Spannweite des Tourbillons
Am 26. Juni 1801 erhielt Abraham-Louis Breguet das Patent für den Tourbillon-Regulator. 225 Jahre später ist diese Erfindung längst mehr als ein historischer Verweis. Sie ist eine der großen Komplikationen der Uhrmacherei, ein Symbol für technische Ambition und zugleich ein Feld, auf dem Breguet eine besondere Legitimation besitzt. Nicht, weil die Maison das Tourbillon heute als einzige beherrscht. Sondern weil der Ursprung dieser Idee untrennbar mit dem Namen Breguet verbunden ist.

Zum Jubiläum zeigt Breguet keine einzelne Uhr, sondern ein ganzes Spektrum. Die Neuheiten reichen von einer bewusst kleinen, historisch aufgeladenen Classique über ein fliegendes Tourbillon bis hin zu Marine-Chronometrie und einer experimentellen Hochfrequenz-Konstruktion mit magnetischer Hemmung.
Warum das Tourbillon bei Breguet mehr ist als eine Komplikation
Die ursprüngliche Idee entstand aus einem sehr konkreten Problem. Taschenuhren wurden im späten 18. Jahrhundert meist vertikal getragen. In dieser Lage wirkten sich Schwerkraft und Lagefehler besonders deutlich auf Unruh und Spirale aus. Breguets Lösung war eine rotierende Käfigkonstruktion, die Hemmung und Regulierorgan kontinuierlich um eine Achse bewegt.

Der Weg dorthin war lang. Zwischen Breguets Rückkehr nach Paris 1795, dem Patent von 1801 und den ersten verkauften Tourbillons vergingen Jahre. Zwischen 1796 und 1829 entstanden 40 vollendete Tourbillons, weitere neun wurden in den Archiven als unvollendet, verworfen oder verloren geführt. Diese Zahlen machen den Maßstab deutlich. Das Tourbillon war nie eine einfache technische Übung. Es war von Anfang an eine der anspruchsvollsten Antworten auf die Frage, wie weit mechanische Präzision getrieben werden kann.
Classique Tourbillon 7357: Rückkehr zur ersten modernen Breguet-Tourbillon-Armbanduhr
Die wichtigste Neuheit des Jubiläums ist die Classique Tourbillon 7357. Sie steht in direkter Linie zur Referenz 3350 von 1989, der ersten Tourbillon-Armbanduhr der modernen Breguet-Ära. Diese historische 3350 spielte eine zentrale Rolle, weil sie das Tourbillon zu einer Zeit zurück ins Bewusstsein brachte, in der traditionelle Haute Horlogerie noch ein kleines, fast spezialisiertes Sammlerfeld war.

Die neue 7357 übersetzt diese Idee in eine heutige Uhr. Das Gehäuse misst nur 35 mm im Durchmesser, bei 43 mm Lug-to-Lug und 9,2 mm Höhe. Das Werk misst 30 mm und sitzt ohne Werkhaltering im Gehäuse. Dadurch wirkt die Uhr konzentriert und sehr direkt.

Das Zifferblatt besteht aus 18K Breguet-Gold. In der Platinversion erhält es eine anthrazitfarbene Galvanik, dazu Clous de Paris im Zentrum und Barleycorn am Rand. Stundenring, Kartuschen und kleine Sekunde sind ebenfalls aus 18K Breguet-Gold, rhodiniert und appliziert. Die Zeiger sind aus 18K Gold und in Bleu de France gebläut. Bei 6 Uhr sitzt das Tourbillon wenige Zehntelmillimeter unterhalb der Zifferblattebene direkt auf der Hauptplatine. Die Brücke wurde als doppelt gerundete, polierte Bogenbrücke neu gestaltet.

Im Inneren arbeitet das neue Handaufzugskaliber 187B, der direkte Nachfolger des historischen Kalibers 558. Es läuft mit 2,5 Hz, also 18.000 Halbschwingungen pro Stunde, besitzt 190 Komponenten, 21 Steine und bietet 60 Stunden Gangreserve. Technisch ist es moderner als seine Herkunft vermuten lässt: Breguet Nivachron-Spirale, Siliziumanker und antimagnetische Auslegung bringen das Werk in die Gegenwart.

Die 7357 erscheint in zwei Versionen. Neben Platin gibt es eine Variante in Breguet-Gold mit versilbertem 18K-Breguet-Gold-Zifferblatt, Barleycorn-Basis und feinem Clous-de-Paris-Motiv. Die Goldversion wirkt wärmer, die Platinversion technischer und kühler. Beide bleiben sehr nah an dem, was Breguet im besten Sinn ausmacht: Guilloché, klare Anzeigen, geschichtliche Präzision und ein klassisches Tourbillon.
Classique Tourbillon Sidéral 7255: fliegend, mysteriös, astronomisch
Die Classique Tourbillon Sidéral 7255 schlägt einen anderen Ton an. Sie war bereits im Rahmen des 250-jährigen Jubiläums ein wichtiges Modell, nun folgt eine neue Platinversion mit schwarzem Aventurin-Grand-Feu-Emailzifferblatt und grünen Reflexen. Die Uhr ist auf 50 Stück limitiert.

Technisch ist sie die erste Breguet-Armbanduhr mit fliegendem Tourbillon. Im Unterschied zum klassischen Tourbillon wird der Käfig nicht von oben und unten gehalten, sondern nur von unten getragen. Dadurch entsteht der Eindruck, dass der Mechanismus frei im Raum steht. Breguet verstärkt diesen Effekt mit einer mysteriösen Konstruktion. Der Tourbillonkäfig wird dabei über ein nahezu unsichtbares Saphirglas-Element angetrieben, das die Kraft überträgt, ohne die mechanische Verbindung offen zu zeigen. So scheint das Tourbillon im Zifferblatt zu schweben, obwohl es selbstverständlich fest in die Architektur des Werks eingebunden bleibt.

Das Gehäuse misst 38 mm im Durchmesser, 47,6 mm von Horn zu Horn und 10,2 mm in der Höhe. Das Zifferblatt mit Aventurin-Email greift die astronomische Dimension des Wortes Tourbillon auf. Hier geht es nicht nur um Präzision, sondern auch um eine alte Verbindung Breguets zu wissenschaftlichen Instrumenten, Navigation und Himmelsbeobachtung.
Tradition Tourbillon 7047: Kette, Schnecke und Bleu de France
Die Tradition Tourbillon 7047 zeigt Breguet von der mechanisch sichtbaren Seite. Die neue Platinversion ist auf 25 Stück limitiert und setzt konsequent auf Bleu de France. Nicht nur das Zifferblatt, auch Brücken, Tourbillonkäfig und sogar Teile der Kette tragen diesen Ton.

Das Modell kombiniert das Tourbillon mit einer Kette-und-Schnecke-Transmission. Diese Konstruktion stammt aus einer anderen Epoche der Zeitmessung und dient dazu, die nachlassende Kraft der Zugfeder auszugleichen. Bei der 7047 wird sie bewusst sichtbar gemacht. Die Kette besteht aus 232 Gliedern, 77 davon sind in Bleu de France behandelt. Der Tourbillonkäfig besteht aus Titan, die Hauptplatine ist in einem helleren Gletscherblau sandgestrahlt.

Im Werk arbeitet das Handaufzugskaliber 569 mit 55 Stunden Gangreserve, 2,5 Hz, 499 Komponenten und 43 Steinen. Das Gehäuse misst 41 mm im Durchmesser, 50,5 mm Lug-to-Lug und 16 mm in der Höhe. Das ist die technisch offenste Uhr dieser Jubiläumsgruppe: weniger klassisches Gesicht, mehr Mechanik auf der Bühne.
Marine Tourbillon Équation Marchante 5887: Tourbillon, ewiger Kalender und laufende Zeitgleichung
Die Marine Tourbillon Équation Marchante 5887 bringt das Tourbillon in den Kontext der Marine-Chronometrie. Die neue Platinversion ist auf 25 Stück limitiert und gehört zu den komplexesten Uhren dieses Jubiläums. Sie kombiniert Tourbillon, ewigen Kalender, Gangreserve und laufende Zeitgleichung.

Das Zifferblatt ist der entscheidende Punkt. Breguet verwendet blau verlaufendes, transluzentes Grand-Feu-Email auf Saphir, dazu eine handgemalte Miniatur in Leuchtemail mit Konstellationen und Mond. Bei Nacht leuchtet der Himmel über Paris, wie er am 26. Juni 1801 zu sehen war. Optional kann die Darstellung auf einen persönlichen Ort, ein Datum und eine Uhrzeit angepasst werden.

Das Platingehäuse misst 43,9 mm, ist 11,8 mm hoch und bis 10 bar wasserdicht. Die Uhr gibt es mit Kautschukband oder Platinarmband. Besonders spannend ist die laufende Zeitgleichung, weil sie nicht nur den Unterschied zwischen mittlerer Sonnenzeit und wahrer Sonnenzeit angibt, sondern diese über einen zusätzlichen Minutenzeiger direkt laufend anzeigt. Es ist die poetischste Uhr der Gruppe, aber auch eine der technisch anspruchsvollsten.
Expérimentale 1: Breguet denkt das Tourbillon nach vorn
Die Expérimentale 1 ist die radikalste Uhr dieses Jubiläums. Sie eröffnet eine neue Kollektion und ist auf 75 Stück limitiert. Ihr Kaliber 7250 arbeitet mit 10 Hz, also 72.000 Halbschwingungen pro Stunde, besitzt eine konstantkraft-magnetische Hemmung und bietet 72 Stunden Gangreserve. Die Konstruktion ist auf 600 Gauß Magnetfeldresistenz ausgelegt.

Das Tourbillon selbst besteht aus 76 Komponenten, misst 13,7 mm im Durchmesser, ist 5,5 mm hoch und wiegt nur 0,6 Gramm. Der Käfig nutzt Rohteile aus Grade-5-Titan. Dazu kommen ein Escape-Wheel aus Grade-2-Titan, eine NiP12-Spirale, eine Breguet-Unruh mit Silizium-Breguet-Spirale und eine nichtmagnetische Unruhwelle. Das Werk umfasst 273 Komponenten und 37 Steine. Zwei in Reihe geschaltete Federhäuser mit vier blauen Federn liefern die Energie.

Gestalterisch verlässt Breguet hier das klassische Terrain. Die Uhr steht in einem Marine-nahen Gehäuse aus Breguet-Gold, trägt ein blaues Kautschukband und zeigt ihre technische Idee offen. Das ist kein nostalgisches Tourbillon. Es ist eine Versuchsanordnung am Handgelenk: hohe Frequenz, konstante Kraft, Magnetismus als Teil der Hemmung und ein Tourbillon, das nicht als historische Referenz endet, sondern als Entwicklungsplattform beginnt.
Einordnung
Breguet nutzt das 225-jährige Tourbillon-Jubiläum nicht für eine einzelne Hommage. Die fünf Linien zeigen verschiedene Antworten auf dieselbe Erfindung. Die Classique 7357 ist die historische Verdichtung. Der Sidéral 7255 denkt das Tourbillon als schwebende, fast astronomische Konstruktion. Die Tradition 7047 stellt Mechanik offen aus. Die Marine 5887 verbindet Tourbillon, Zeitgleichung und Himmelsdarstellung. Die Expérimentale 1 treibt das Prinzip mit 10 Hz und magnetischer Konstantkraft-Hemmung in ein neues technisches Feld.
Breguet zeigt nicht nur, dass die Marke das Tourbillon erfunden hat. Sie zeigt, dass aus dieser Erfindung sehr unterschiedliche Uhren entstehen können: klassisch, wissenschaftlich, mechanisch, poetisch und experimentell. 225 Jahre nach dem Patent ist das Tourbillon bei Breguet damit kein Denkmal. Es bleibt ein Werkzeug, an dem die Maison weiterarbeitet.
Weitere Informationen zu Breguet finden Sie auf der Seite der Marke hier.
Text ©Cedric Schneiders, Watchlounge Editor • Bilder ©Breguet









