Interview mit Breguet-CEO Gregory Kissling – Breguet im Jubiläumsjahr

Von Paris bis Versailles: „Breguet Gold“, „Quai de l’Horloge“ und die Montre de Souscription.

Breguet feiert Jubiläum – und CEO Gregory Kissling erklärt im Watchlounge-Interview, wie die Marke das Jahr als Roadshow von Paris bis Versailles inszeniert. Im Mittelpunkt: die neue, patentierte Goldlegierung „Breguet Gold“ mit zart rosigem Schimmer sowie das Guilloché-Motiv „Quai de l’Horloge“, abgeleitet aus der historischen Turgot-Karte und auf der Rosendrehbank umgesetzt. Kissling spricht über die Montre de Souscription als Symbol, handgebläute Zeiger, die per Pantograph eingebrachte Geheimsignatur und warum echtes Savoir-faire heute wichtiger ist denn je. Er erklärt die Chevé-Gehäuseform, integrierte Hörner und die bewusst gewählten 40 mm sowie eine Werksarchitektur, die die historische Idee respektiert. Außerdem: Blick auf DACH-Sammler sowie limitierende Handwerkskapazitäten.

David Schank: Herr Kissling, Sie sind seit wenigen Monaten CEO von Breguet – und die Marke feiert zugleich ein großes Jubiläum. Wie haben Sie diese doppelte Ausgangslage strategisch angelegt, damit Breguet nicht nur an einem Tag gefeiert wird und gleich wieder aus dem Fokus verschwindet?

Gregory Kissling: Uns war wichtig, dass die Feier nicht punktuell bleibt. Deshalb haben wir eine Jubiläumskollektion als eine Art Roadshow konzipiert: Der Auftakt war in Paris, der Abschluss findet in Versailles statt – dazwischen folgen mehrere Stationen. Jede Neuheit steht für sich, aber alle verbindet ein gemeinsamer Rahmen.

David Schank: Welche verbindenden Elemente ziehen sich als roter Faden durch die Kollektion – auf Material-, Design- und inhaltlicher Ebene?

Gregory Kissling: Erstens führen wir eine patentierte Goldlegierung namens „Breguet Gold“ ein – ein Gelbgold mit zart rosigem Schimmer, inspiriert von historischen Legierungen aus der Zeit vor der Normierung. Zweitens ein neues Guilloché-Motiv „Quai de l’Horloge“. Basis ist die Turgot-Karte des 18. Jahrhunderts: Aus der Vogelperspektive der Île de la Cité und Île Saint-Louis entstand das Muster, das wir über eine Kurvenscheibe für die Rosendrehbank realisieren. Drittens möchten wir über Erfindungen sprechen: Jede Neuheit verknüpfen wir mit einer zentralen Breguet-Innovation, denn wir sehen Breguet als Referenz der modernen Uhrmacherei.

David Schank: Sie haben das Jahr mit der Montre de Souscription eröffnet – historisch aufgeladen und zugleich sehr pur. Was macht sie zur richtigen Eröffnungsuhr?

Gregory Kissling: Die Souscription ist Symbol dieser Kollektion. Nach der Französischen Revolution ermöglichte sie Abraham-Louis Breguet den unternehmerischen Neustart – technisch brillant, zugleich mit einem neuen Geschäftsmodell (Vorauszahlung von einem Viertel). Zur Vermarktung erschien damals wohl der erste Uhren-Prospekt überhaupt.

Ein Detail, das uns wichtig war, ist die Geheimsignatur auf Emaille-Zifferblättern. Anstatt sie zu transferieren, setzen wir eine historische Pantographen-Graviermaschine ein – ein Gerät aus dem Besitz von George Daniels, das wir bei einer Auktion erworben haben. Das Emaille-Zifferblatt ist bereits fertiggestellt. Ein einziger falscher Druck – und man beginnt von vorn. Dieses Maß an Savoir-faire ist aber Teil unserer Identität.

David Schank: Sie betonen das Handwerk. Was bringt das manuelle Bläuen der Zeiger gegenüber einem industriell gesteuerten Prozess – und warum nehmen Sie die höhere Komplexität in Kauf?

Gregory Kissling: Durch das Bläuen von Hand treffen wir exakt den Farbton, den wir wollen. Dafür müssen Hitze und Bewegung extrem präzise geführt werden. Das ist aufwendig, aber typisch Breguet: Wir akzeptieren Komplexität, wenn sie zu schöneren, stimmigeren Ergebnissen führt.

David Schank: Kommen wir zur Tragbarkeit: Warum haben Sie sich für 40 mm entschieden – und wie haben Sie klassische Proportionen mit moderner Ergonomie verbunden?

Gregory Kissling: Historisch gab es Souscription-Taschenuhren in 61 mm (Präzision ca. ± 1 Minute), 50 mm und 40 mm (ca. ± 2 Minuten). 40 mm knüpfen historisch an und funktionieren hervorragend am Handgelenk. Das Gehäusemittelteil ist – wie bei den meisten historischen Stücken – glatt gehalten, die Bandanstöße sind integriert statt angelötet; so sitzt die Uhr trotz 40 mm ausbalanciert. Zudem greifen wir die Chevé-Form auf, eine von A.-L. Breguet entwickelte Gehäusearchitektur mit drei Radien, die Licht auf die Außenlünette lenkt, die Flanke optisch verschlankt und einen feinen Vintage-Charme erzeugt.

David Schank: Worin unterscheidet sich die neue Konstruktion von der historischen – und wie nähern Sie sich dekorativ dem Original an, ohne museal zu wirken?

Gregory Kissling: Historisch drehte ein Rad einmal in zwölf Stunden, der Zeiger war darauf fixiert. Bei uns ist das Rad fixiert, und das darüberliegende Triebrad vollzieht die zwölfstündige Drehung. Dekorativ wollten wir die Originalanmutung treffen: Grainage und Sandstrahlung sind flacher und feiner, Brücken und Grundplatine werden historisch inspiriert veredelt; Signatur und Einzelnummer sind von Hand graviert. Breguet war Ästhet und Neoklassizist – die Lesbarkeit der Konstruktion ist daher für uns Pflicht. Gleichzeitig sollten die Kaliber serienfähig bleiben und weltweit zu warten sein – ganz im Sinn des Gründers.

David Schank: Welche historischen Erfindungen spiegeln Sie in der Souscription – und wie weit reicht diese technische Rückbindung?

Gregory Kissling: Etwa die pare-chute-Stoßsicherung oder die Rubin-Zylinderhemmung. In historischen Texten finden sich sogar Schmierrezepte – etwa definiertes Olivenöl. Dieses Ingenieurs-Erbe ist für uns Substanz, kein Zitat.

David Schank: Was dürfen neue Besitzer erwarten – kurz- und langfristig bezüglich Garantie und Service?

Gregory Kissling: Ab 1. Januar 2025 erhält jede neue Breguet eine internationale Fünf-Jahres-Garantie. Nach einem vollständigen Service lässt sie sich um weitere fünf Jahre verlängern – insgesamt also bis zu zehn Jahre. Das ist ein starkes Signal in Richtung Langfristigkeit.

David Schank: Wie gehen Sie mit Stückzahlen um? Wo verläuft die Grenze zwischen rar und künstlich knapp?

Gregory Kissling: Die Souscription bleibt mehrere Jahre in der Kollektion; wir planen „Animationen“ – also Varianten bei Zifferblatt, Werk oder Gehäuse. Gleichzeitig begrenzt das Handwerk die Kapazität natürlich: Die Pantographen-Gravur liegt aktuell bei einer hochspezialisierten Person (ein Team wird aufgebaut). Formal endet die Serie bei Nr. 5 250– eine Reminiszenz an historische Nummerierungsblöcke zwischen 2 250 und 5 250, deren Ursprung ein Mysterium geblieben ist.

David Schank: Ein-Zeiger-Uhren werden oft als Nische gelesen. Ist das aus Ihrer Sicht zu kurz gegriffen?

Gregory Kissling: Ja. Für mich ist die Souscription ein Gesprächsstück mit starkem Marken-Narrativ – und zugleich ein idealer Einstieg für neue Sammler, die etwas Besonderes suchen. Es gibt andere Ein-Zeiger-Konzepte, aber die geistige Urheberschaft dieser Idee liegt bei Breguet.

David Schank: Sie öffnen Ihre Manufaktur für Sammler und Medien. Warum ist das – jenseits klassischer Kampagnen – Ihr stärkstes Kommunikationsmittel?

Gregory Kissling: Weil man Handwerk nur aus der Nähe wirklich versteht. Besucher betreten unsere Werkstätten, sprechen mit Guillocheuren, Emailleuren, Graveuren – und sehen jeden Fertigungsschritt. Große Komplikationen wie équation marchante oder Ewiger Kalender sind faszinierend, aber erklärungsintensiv. Die Souscription macht unser Savoir-faire intuitiv sichtbar.

David Schank: Unsere Leserschaft sitzt stark in Deutschland und Österreich. Wie nehmen Sie diese Märkte im internationalen Vergleich wahr – in Bezug auf Kompetenz, Erwartungen und Produktpassung?

Gregory Kissling: Als sehr kenntnisreich, technikaffin und präzise – getragen von einer starken Community und hochwertigen Fachmagazinen. Man weiß hier genau, was man am Handgelenk trägt. Das passt hervorragend zu Produkten, in denen Handarbeit und Substanz zählen.

David Schank: Jenseits des Produkts: Welche Prioritäten setzen Sie in Distribution und Marketing, um bestehende Sammler zu halten und eine neue Generation zu erreichen?

Gregory Kissling: Bei Breguet steht das Produkt im Zentrum – aber ohne klare Distribution und zeitgemäßes Marketing entfaltet es nicht seine Wirkung. Wir arbeiten an kundenzentrierten Boutique-Erlebnissen und einem erneuerten Auftritt, der bestehende Kenner respektiert und neue Zielgruppen anspricht. Wiederholung kann sinnvoll sein, aber wir wollen präziser erzählen: wer wir sind, was wir tun und warum.

David Schank: Persönlich gefragt: Was motiviert Sie täglich in dieser Rolle?

Gregory Kissling: Die Marke. Breguet hat eine tiefe Geschichte, einen großen Patrimoine-Bestand und talentierte Menschen. In einer vertikal integrierten Uhren-Gruppe können wir Projekte wie eine neue Goldlegierung überhaupt erst realisieren. Mein Antrieb ist, Strahlkraft und Begehrlichkeit weiter zu erhöhen.

David Schank: Woran lernen Sie aktuell – mit Blick auf die nächsten Jahre?

Gregory Kissling: An der nächsten „Breakthrough“-Technologie. Breguet war früh bei der Silizium-Spirale, der Magnetic Pivot war ein weiterer Meilenstein. Jetzt geht es darum, neue Techniken, Konstruktionen und Materialien auszuloten – mit einem klaren Ziel, den richtigen Leuten am Tisch und Fokus auf ein gemeinsames Ergebnis.

David Schank: Zum Schluss: Ihr Rat an junge Menschen, die in die Branche wollen oder ihren Weg suchen?

Gregory Kissling: Leidenschaft. Mit echter Passion kommt man sehr weit. Neugierig bleiben, lernen wollen, vernetzt sein – aber die Tiefe entsteht aus Begeisterung.

Weitere Informationen zu Breguet finden Sie auf der Seite der Marke hier.


Bilder ©David Schank Watchlounge